Immunrekonstitutionssyndrom
Das Immunrekonstitutionssyndrom bezeichnet eine überschießende, paradox erscheinende Entzündungsreaktion, die auftritt, wenn sich das zuvor durch eine schwere Erkrankung oder Behandlung stark geschwächte Immunsystem einer Person rasch erholt sowie sich dabei heftig gegen bereits im Körper vorhandene, zuvor vom geschwächten Immunsystem nicht ausreichend bekämpfte Erreger richtet. Dieses Syndrom tritt am häufigsten bei Menschen mit einer fortgeschrittenen HIV-Infektion auf, die kurz nach dem Beginn einer wirksamen antiretroviralen Behandlung eine rasche Erholung ihrer Immunabwehr erfahren, kann jedoch auch nach einer Stammzell- oder Organtransplantation sowie nach dem Absetzen einer stark immunsystemdämpfenden Behandlung auftreten. Anstatt einer erwarteten, gleichmäßigen Besserung des Gesundheitszustands kommt es bei betroffenen Personen paradoxerweise zu einer vorübergehenden Verschlechterung, die durch die überschießende, neu erstarkte Immunreaktion verursacht wird.
Ursachen
Das Immunrekonstitutionssyndrom entsteht durch eine rasche Erholung eines zuvor stark geschwächten Immunsystems, wobei die neu erstarkten Immunzellen heftig auf Erreger reagieren, die sich während der Phase der Immunschwäche unkontrolliert im Körper vermehren konnten, ohne zuvor eine ausreichende Immunantwort sowie damit verbundene Krankheitssymptome hervorzurufen. Am häufigsten tritt diese Reaktion bei Menschen mit einer fortgeschrittenen HIV-Infektion auf, die kurz nach Beginn einer wirksamen antiretroviralen Behandlung eine rasche Erholung ihrer Abwehrzellen erfahren, wobei ein besonders niedriger Ausgangswert dieser Abwehrzellen vor Behandlungsbeginn das Risiko erheblich erhöht. Auch nach einer Stammzell- oder Organtransplantation sowie nach dem Absetzen einer stark immunsystemdämpfenden Behandlung kann eine ähnliche Reaktion auftreten.
Symptome
Das Immunrekonstitutionssyndrom äußert sich durch eine paradoxe Verschlechterung bereits bekannter, zuvor stabiler oder eine erstmalige Manifestation bislang unerkannter Infektionen, die typischerweise in den ersten Wochen bis wenigen Monaten nach Beginn der Immunerholung auftritt. Die genauen Symptome hängen vom jeweils betroffenen Erreger sowie der betroffenen Körperregion ab, wobei häufig Fieber, eine ausgeprägte Lymphknotenschwellung sowie eine Verschlechterung bereits bestehender Symptome einer zugrunde liegenden, zuvor unzureichend bekämpften Infektion im Vordergrund stehen. Bei einer Beteiligung des Gehirns können zusätzlich neurologische Symptome, einschließlich Kopfschmerzen oder Verwirrtheit, auftreten.
Diagnostik
Die Diagnose des Immunrekonstitutionssyndroms wird überwiegend klinisch anhand des zeitlichen Zusammenhangs zwischen einer kürzlich erfolgten Erholung des Immunsystems sowie dem Auftreten einer paradoxen Verschlechterung gestellt, wobei eine gezielte Abklärung erforderlich ist, um diese Reaktion sicher von einem tatsächlichen Versagen der eingeleiteten Behandlung oder einer neu aufgetretenen, unabhängigen Infektion abzugrenzen. Eine Bestimmung der Anzahl bestimmter Abwehrzellen im Blut kann den Grad der bereits eingetretenen Immunerholung objektivieren. Eine gezielte Suche nach dem zugrunde liegenden, die überschießende Reaktion auslösenden Erreger ist für die weitere Behandlungsplanung von erheblicher Bedeutung.
Behandlung
Die Behandlung des Immunrekonstitutionssyndroms besteht überwiegend in einer Fortführung der ursprünglich eingeleiteten, das Immunsystem stärkenden Behandlung bei gleichzeitiger, symptomatischer Linderung der überschießenden Entzündungsreaktion, wobei entzündungshemmende Medikamente, insbesondere Kortisonpräparate, bei ausgeprägten Beschwerden eingesetzt werden können. Ein Absetzen der ursprünglichen, das Immunsystem stärkenden Behandlung wird angesichts der grundsätzlich erwünschten Immunerholung nur in besonders schweren, lebensbedrohlichen Fällen erwogen. Eine gezielte Behandlung des zugrunde liegenden, die Reaktion auslösenden Erregers wird parallel fortgeführt oder intensiviert.
Verlauf und Prognose
Die Prognose des Immunrekonstitutionssyndroms ist bei der überwiegenden Mehrheit der Betroffenen gut, da die überschießende Entzündungsreaktion nach einigen Wochen bis Monaten von selbst abklingt, sobald das Gleichgewicht zwischen der erstarkten Immunabwehr sowie den bekämpften Erregern wiederhergestellt ist. Bei einer Beteiligung besonders empfindlicher Organe, insbesondere des Gehirns, kann die Prognose deutlich ernster ausfallen, wobei eine rechtzeitige Erkennung sowie gezielte symptomatische Behandlung für den weiteren Verlauf entscheidend sind. Trotz der paradoxen, vorübergehenden Verschlechterung stellt die zugrunde liegende Immunerholung selbst einen erwünschten sowie langfristig positiven Behandlungserfolg dar.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Immunrekonstitutionssyndrom: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Bei wem tritt das Immunrekonstitutionssyndrom am häufigsten auf?
Bei Menschen mit fortgeschrittener HIV-Infektion kurz nach Beginn einer wirksamen antiretroviralen Behandlung.
Warum kommt es zu einer paradoxen Verschlechterung?
Weil das neu erstarkte Immunsystem heftig auf bereits im Körper vorhandene Erreger reagiert.
Wird die ursprüngliche Behandlung meist fortgeführt?
Ja, ein Absetzen wird nur in besonders schweren, lebensbedrohlichen Fällen erwogen.
Wie ist die Prognose meist?
Gut — die Reaktion klingt bei der überwiegenden Mehrheit nach Wochen bis Monaten von selbst ab.
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